Tierverbrauch im Biologiestudium

Viele StudienanfängerInnen entscheiden sich für das Studium der Biologie aus Interesse an der Natur mit all ihren Lebensformen. Die Ehrfurcht vor dem Leben, die für einen verantwortungsvollen Umgang mit der Natur unabdingbar ist, wird jedoch häufig schon zu Beginn des Studiums missachtet, indem StudentInnen gegen ihr Gewissen an ‘tierverbrauchenden’ Übungen teilnehmen sollen: Es stehen Praktika auf dem Programm, in denen Tiere getötet, lebendig verletzt oder verstümmelt werden. Die Teilnahme an vielen dieser Praktika ist sowohl im Studiengang Diplom als auch Lehramt Pflicht. Wer sich weigert, bekommt keinen Leistungsnachweis und kann das Studium nicht erfolgreich fortsetzen.

Tierverbrauchende Praktika

Welche Praktika im einzelnen absolviert werden müssen, kann je nach Hochschule recht verschieden sein. In der Regel sind es jedoch vor allem zwei Praktika, die - teilweise auch unter anderen Bezeichnungen - fast überall einen Pflichtbestandteil des Studiums bilden: Das ‘Morphologisch-anatomische Anfängerpraktikum’ und das ‘Tierphysiologische Praktikum’. Allein für diese beiden Praktika werden bundesweit jährlich etwa 50.000 Tiere getötet.

Morphologisch-anatomisches Praktikum

In diesem Praktikum, das meist im ersten Semester stattfindet, werden zumeist eigens dafür getötete Tiere verschiedener Tierstämme seziert. Das beginnt bei Regenwürmern, Schnecken und Insekten und endet bei Fischen, Amphibien und Kleinsäugern. Zweck dieses Kurses ist in erster Linie, den Aufbau der Tiere kennen zu lernen. Darüber hinaus sollen auch der ‘Umgang mit tierischem Material’ und die ‘manuelle Geschicklichkeit’ geübt werden.

Tierphysiologisches Praktikum

Hier steht das ‘wissenschaftlich-experimentelle Arbeiten’ im Vordergrund, aber auch der ‘Umgang mit tierischem Material’ und der ‘Tierversuch als Methode’ werden von den DozentInnen als Lernziele genannt. Das bedeutet z.B., dass an Skelett- oder Herzmuskeln unmittelbar zuvor getöteter Frösche demonstriert wird, wie sich elektrische oder chemische Reize auswirken, was schon Albert Schweitzer als antiquiert und unverantwortlich ablehnte. Verbreitet sind außerdem Versuche zur Osmoregulation bei Salzwassertieren oder verschiedene Versuche zur Stoffwechsel- und Nervenphysiologie. In einigen Fällen, wie z.B. bei der Glukoseresorption am Rattendarm, handelt es sich auch um Experimente an lebenden Tieren, die nicht selten mit erheblichen Belastungen und einem tödlichen Ausgang verbunden sind.

Tierverbrauch findet an den meisten Hochschulen allerdings noch in zahlreichen weiteren Praktika statt, etwa in denen der Genetik, der Biochemie, in den zoologischen Bestimmungsübungen oder bei zoologischen Exkursionen. Auch im Hauptstudium gibt es, insbesondere für Studierende des Gymnasiallehramtes, noch Pflichtpraktika mit Tierverbrauch, beispielsweise das ‘Zoologische Fortgeschrittenenpraktikum’.

Wer sich schließlich im Hauptstudium für Zoologie als Prüfungsfach entscheidet, muss mit zahlreichen weiteren Praktika rechnen, die den Tierverbrauch des bisherigen Studiums noch um ein Vielfaches übertreffen. Was hier im einzelnen gemacht werden muss, ist äußerst verschieden. Die Spannbreite reicht von ethologischen Geländeübungen bis zu neurologischen Untersuchungen an Säugetieren.

 

Es geht auch anders – tierverbrauchsfreie Lehrmethoden

Die Palette der vorhandenen Alternativen ist mittlerweile so breit gefächert, dass ganze Bücher darüber erscheinen. Im folgenden sind deshalb nur einige Methoden aufgezählt.

 

1. Tote Tiere vom Tierarzt oder aus dem natürlichen Bereich (etwa Froschlurche, die bei der Krötenwanderung umgekommen sind) werden beispielsweise in Freiburg eingesetzt. Die Tatsache, dass sie nicht extra getötet wurden, macht für die Morphologie keinen Unterschied.

2. Plastinationen, Dauerpräparate, Kunststoffmodelle können die grundlegende Morphologie der Tiere mindestens genauso gut vermitteln. Bei der Plastination werden tote Tiere oder einzelne Organe in einen plastikartigen, unbegrenzt haltbaren Zustand überführt.

3. Lehrfilme und interaktive Videosysteme können hervorragend als Ergänzung zu anderen Alternativen eingesetzt werden und vereinzelt sogar Versuche ersetzen.

4. Computersimulationen können sowohl im Bereich der Physiologie als auch der Morphologie Versuche vollständig ersetzen, wie es in der Human- und Veterinärmedizin schon vielfach der Fall ist.

5. Schmerzlose Selbstversuche sind nicht bloß eine Alternative, sondern eine weitaus bessere Lehrmethode, denn durch die Erfahrung am eigenen Körper werden sowohl die Einprägsamkeit als auch das Verständnis gesteigert. Am Myographen lassen sich z.B. alle den Bewegungsapparat betreffenden Versuche durchführen und im angeschlossenen Computer analysieren.

Während die meisten Hochschulen auf ‘tierverbrauchende’ Methoden beharren, ersetzen die genannten Alternativen in einigen Praktika schon heute den einen oder anderen, früher so unverzichtbaren Versuch. Schon durch einen Methodentransfer zwischen den DozentInnen verschiedener Hochschulen könnte der Tierverbrauch deutlich verringert werden.

 

Der Widerstand

Besonders AbiturientInnen oder StudienanfängerInnen erscheint die Situation oft so ausweglos, dass sie ihr Studium nach dem ersten Semester abbrechen oder erst gar nicht mit dem Studium beginnen. Wenngleich sich die Situation tatsächlich nicht allzu rosig darstellt, können wir aber nur dazu ermutigen, das Studium kritisch anzugehen und den ProfessorInnen als Verantwortlichen immer wieder zu verdeutlichen, dass Bedarf an Veränderungen der Praktika besteht.

 

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