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Das
Schlachthofpraktikum
Mit dem in Kraft
treten der neuen Tierärztlichen Approbationsordnung (TAppO) im
November 1999 müssen nicht mehr, wie bisher sechs Wochen im
Schlachthof absolviert werden, sondern nur noch drei. Das
Schlachthofpraktikum stellt für VegetarierInnen und VeganerInnen
eine der größten Hürden des Tiermedizinstudiums dar. Kein Weg
führt daran vorbei. Die Fleischbeschau an so genannten
"Schlachtkörpern" durchführen zu müssen, die vor
wenigen Minuten noch grunzende oder muhende Lebewesen waren, ist ein
Alptraum für jeden ethisch denkenden Menschen und für so manchen
ein Grund dieses Studium erst gar nicht anzufangen. Für die
beteiligten Tiere ist der Schlachthof noch schlimmer als ein
Alptraum, es ist eine Tortur, an deren Ende der Tod steht.
Natürlich
wird sich daran, dass Tiere im Schlachthof getötet werden, nichts
ändern, solange es Menschen gibt, die auf ihr Schnitzel nicht
verzichten wollen. Aber immerhin ist der Alptraum für die
angehenden TierärztInnen nun um die Hälfte reduziert. Statt, wie bisher sechs Wochen,
sind jetzt nur drei Wochen im Schlachthof zu absolvieren. Weitere
drei Wochen müssen in einer für die Hygieneüberwachung in
Schlachthöfen oder Lebensmittelbetrieben zuständigen Behörde
abgeleistet werden.
C.M. Haupt
Um
eines kleinen Bissen Fleisches Willen
Eine
angehende Tierärztin berichtet vom sechswöchigen
Schlachthofpraktikum
"Es
werden nur Tiere angenommen, die tierschutzgerecht transportiert
werden und ordnungsgemäß gekennzeichnet sind", steht auf dem
Schild über der Betonrampe. Am Ende der Rampe liegt, steif und
bleich, ein totes Schwein. "Ja, manche sterben schon während
des Transportes, Kreislaufkollaps."
Was für ein Glück, dass ich die alte Jacke mitgenommen habe.
Obwohl erst Anfang Oktober, ist es schneiend kalt. Aber ich friere
nicht nur deswegen. Ich vergrabe die Hände in den Taschen, zwinge
mich zu einem freundlichen Gesicht und dazu, dem Direktor des
Schlachthofes zuzuhören, der mir erklärt, dass man längst keine
Lebenduntersuchung mehr vornimmt, nur eine Lebendbeschau. 700
Schweine pro Tag, wie sollte das auch gehen.
"Es sind eh keine kranken Tiere dabei. Die würden wir sofort
zurückschicken, und das kostet den Anlieferer eine empfindliche
Strafe. Das macht der einmal und dann nicht wieder." Ich nicke
pflichtschuldig - durch, nur durchhalten, du musst diese sechs
Wochen hinter dich bringen. Was passiert mit den kranken Schweinen?
"Da gibt es einen ganz speziellen Schlachthof." Ich
erfahre einiges über die Transportverordnungen und wieviel genauer
man es heutzutage mit dem Tierschutz nimmt. Das Wort, an diesem Ort
gesprochen, klingt makaber. |
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Inzwischen
hat sich der vielstimmig grunzende und quiekende
Doppeldecktransporter unter uns bis an die Rampe heranrangiert.
Einzelheiten sind in der morgendlichen Dunkelheit kaum auszumachen;
die Szenerie hat etwas Unwirkliches und gemahnt an jene
gespenstischen Wochenschauen aus dem Krieg, an graue Waggonreihen
voller ängstlicher bleicher Gesichter, an Laderampen, über die
geduckte Menschenmengen von gewehrtragenden Männern getrieben
werden; plötzlich bin ich mittendrin. So etwas träumt man in bösen
Träumen, aus denen man schweißgebadet aufschreckt: Inmitten
wabernden Nebels, in Eiseskälte und schmutzigem Zwielicht dieses
unnennbare böse Bauwerk, dieser flache, anonyme Klotz aus Beton und
Stahl und weißen Kacheln, ganz hinten am frosterstarrten
Waldesrand; hier geschieht das Unaussprechliche, wovon niemand
wissen will.
Die Schreie sind das erste, was ich höre an jenem Morgen, als ich
eintreffe, um ein Pflichtpraktikum anzutreten, dessen Verweigerung für
mich fünf verlorene Studienjahre und das Scheitern aller Zukunftspläne
bedeutet hätte. Aber alles in mir - jede Faser, jeder Gedanke - ist
eine Verweigerung, ist Abscheu und Entsetzen und das Bewusstsein
nicht steigerbarer Ohnmacht: Zusehen müssen, nichts tun können.
Und sie werden dich zwingen mitzumachen, dich ebenfalls mit Blut zu
besudeln.
Schon aus der Ferne, als ich aus dem Bus steige, treffen die Schreie
der Schweine mich wie ein Messerstich. Sechs Wochen lang werden sie
mir in den Ohren gellen, Stunde für Stunde, ohne Unterlass.
Durchhalten. Für dich ist es irgendwann zu Ende. Für die Tiere
nie.
Ein kahler Hof, einige Kühltransporter, Schweinehälften am Haken
in einer grell erleuchteten Türe. Alles peinlich sauber. Das ist
die Vorderfront. Ich suche nach dem Eingang, er ist seitlich
gelegen. Zwei Viehtransporter fahren an mir vorbei, gelbe
Scheinwerfer im Morgendunst. Mir weist ein fahles Licht den Weg,
erleuchtete Fenster. Ein paar Stufen, dann bin ich drinnen, und
jetzt ist alles nur noch weißgekachelt. Keine Menschenseele zu
sehen. Ein weißer Gang - da, der Umkleideraum für Damen. Fast
sieben Uhr, ich ziehe mich um; weiß, weiß, weiß. Der geliehene
Helm schaukelt grotesk auf den glatten Haaren. Die Stiefel sind zu
groß. Ich schlurfe wieder in den Gang, stoße beinahe mit dem zuständigen
Veterinär zusammen. Artige Begrüßung. "Ich bin die neue
Praktikantin." Bevor es losgeht, die Formalitäten:
"Ziehen Sie sich mal was Warmes an, gehen Sie zum Direktor und
geben Sie Ihr Gesundheitszeugnis ab. Dr. XX sagt Ihnen dann, wo Sie
anfangen." |
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Der
Direktor ist ein jovialer älterer Herr, der mir erst einmal von den
guten alten Zeiten erzählt, als der Schlachthof noch nicht
privatisiert war. Dann hört er leider damit auf und beschließt,
mich persönlich herumzuführen. Und so komme ich also auf die
Rampe. Rechterhand kahle Betongevierte, von eisigen Stahlstangen
umgeben. Einige sind bereits mit Schweinen gefüllt. "Wir
beginnen hier um fünf Uhr morgens." Geschubse, hier und da
Kabbeleien, ein paar neugierige Rüssel schieben sich durch die
Gitter, pfiffige Augen, andere unstet und verwirrt. Eine große Sau
geht beharrlich auf eine andere los; der Direktor angelt nach einem
Stock und schlägt sie mehrfach auf den Kopf. "Die beißen sich
sonst ganz böse."
Unten hat der Transporter die Holzklappe heruntergelassen, die
vordersten Schweine schrecken vor dem wackeligen und abschüssigen
Übergang zurück, doch von hinten wird gedrängelt, da ein Treiber
dazwischengeklettert ist und kräftige Hiebe mit einem Gummischlauch
austeilt. Ich werde mich später nicht mehr wundem über die vielen
roten Striemen auf den Schweinehälften.
"Der Elektrostab ist für Schweine inzwischen verboten",
doziert der Direktor. Einige Tiere wagen strauchelnd und unsicher
die ersten Schritte, dann wogt der Rest hinterher; eins rutscht mit
dem Bein zwischen Klappe und Rampe, kommt wieder hoch, hinkt weiter.
Sie finden sich zwischen Stahlverstrebungen wieder, die sie
unentrinnbar in einen noch leeren Pferch führen. Wenn es um eine
Ecke geht, verkeilen sich die vorderen Schweine, alle stecken fest
und der Treiber flucht wütend und drischt auf die hintersten ein,
die panisch versuchen, auf ihre Leidgenossen zu springen. Der
Direktor schüttelt den Kopf. "Hirnlos. Einfach hirnlos. Wie
oft habe ich schon gesagt, dass es doch nichts bringt, die
hintersten zu prügeln!"
Während ich noch wie erstarrt dieses Schauspiel verfolge (das ist
bestimmt alles nicht wahr - du träumst), wendet er sich ab und begrüßt
den Fahrer eines weiteren Transportes, der neben den anderen
gefahren ist und sich jetzt zum Ausladen bereit macht. Warum es hier
viel schneller, aber auch mit noch mehr Geschrei vonstatten geht,
sehe ich erst, als hinter den emporstolpernden Schweinen ein zweiter
Mann aus dem Laderaum auftaucht. Denn was nicht schnell genug ist,
wird von ihm mit Elektroschocks bedacht. Ich starre den Mann an,
dann den Direktor, und dieser schüttelt ein weiteres Mal den Kopf:
"Also, Sie wissen doch, das ist bei Schweinen jetzt
verboten!" Der Mann blickt ungläubig drein, steckt dann das
Gerät in die Tasche.
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Von
hinten stupst mich etwas in die Kniekehle, ich fahre herum und
blicke in wache blaue Augen. Viele Tierfreunde kenne ich, die
enthusiastisch schwärmen von ach so seelenvollen Katzenaugen, dem
treuen Hundeblick. Wer spricht von der Intelligenz und Neugier in
den Augen eines Schweines? Ich werde diese Augen bald noch anders
kennen lernen: stumm schreiend vor Angst, von Schmerzen stumpf, dann
blicklos, gebrochen, aus den Höhlen gerissen, über den
blutverschmierten Boden kullernd. Messerscharf streift mich ein
Gedanke, den ich in den folgenden Wochen monoton noch viele hundert
Male im Geiste wiederholen werde: Fleischessen ist ein Verbrechen -
ein Verbrechen...
Danach ein kurzer Rundgang durch den Schlachthof, im Pausenraum
beginnend. Eine offene Fensterfront zur Schlachthalle, in
unendlicher Folge schweben am Fließband fahle, blutige Schweinehälften
vorbei. Dessen ungeachtet sitzen zwei Angestellte beim Frühstück.
Wurstbrot. Die weißen Kittel der beiden sind blutverschmiert, unter
einem Gummistiefel hängt ein Fetzen Fleisch. Hier ist der
unmenschliche Lärm noch gedämpft, der mir wenig später ohrenbetäubend
entgegenschlägt, als ich in die Schlachthalle geführt werde. Ich
fahre zurück, weil eine Schweinehälfte scharf um die Ecke saust
und gegen die nächste klatscht. Sie hat mich gestreift, warm und
teigig. Das ist nicht wahr - das ist absurd - unmöglich.
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Alles
zugleich stürzt auf mich ein. Schneidende Schreie. Das Kreischen
von Maschinen. Blechgeklapper. Der durchdringende Gestank nach
verbrannten Haaren und versengter Haut. Der Dunst von Blut und heißem
Wasser. Gelächter, unbekümmerte Rufe. Blitzende Messer, durch
Sehnen gebohrte Fleischerhaken, daran hängende halbe Tiere ohne
Augen und mit zuckenden Muskeln. Fleischbrocken und Organe, die
platschend in eine blutgefüllte Rinne fallen, so dass der eklige
Sud an mir hochspritzt. Fettige Fleischfasern am Boden, auf denen
man ausrutscht. Menschen in Weiß, von deren Kitteln das Blut rinnt,
unter den Helmen oder Käppis. Gesichter, wie man sie überall
trifft: in der U-Bahn, im Kino, im Supermarkt. Unwillkürlich
erwartet man Ungeheuer, aber es ist der nette Opa von nebenan, der
flapsige junge Mann von der Straße, der gepflegte Herr aus der
Bank. Ich werde freundlich begrüßt. Der Direktor zeigt mir rasch
noch die heute leere Rinderschlachthalle - "Rinder sind
dienstags dran!" -, übergibt mich dann einer Dame und enteilt.
Er hat zu tun. "Die Tötungshalle können Sie sich ja selbst
mal in aller Ruhe ansehen." Drei Wochen werden vergehen, ehe
ich mich dazu überwinde. Der erste Tag ist für mich noch
Galgenfrist. Ich sitze in einem kleinen Zimmerchen neben dem
Pausenraum und schnipple Stunde um Stunde kleine Fleischstückchen
aus einem Eimer von Proben, den regelmäßig eine blutige Hand aus
der Schlachthalle nachfüllt.
Jedes Stückchen - ein Tier. Das Ganze wird dann portionsweise zerhäckselt,
mit Salzsäure angesetzt und gekocht - für die
Trichinenuntersuchung. Die Dame zeigt mir alles. Man findet nie
Trichinen, aber es ist Vorschrift.
Am nächsten Tag werde ich dann selbst zu einem Teil der
gigantischen Zerstückelungsmaschinerie. Eine rasche Einweisung -
"Hier, den Rest des Rachenringes entfernen und die
Mandibularlymphknoten anschneiden!" -, und ich schneide
drauflos. Es muss schnell gehen, das Band läuft weiter, immer
weiter. Über mir werden andere Teile des Kadavers entfernt.
Arbeitet der Kollege zu schwungvoll, oder staut sich in der Rinne
vor mir zuviel blutiger Sud, spritzt mir der Brei bis ins Gesicht.
Ich versuche, zur anderen Seite auszuweichen, doch da werden mit
einer riesigen, wassersprühenden Säge die Schweine zerteilt; unmöglich
kann man hier stehen, ohne nass bis auf die Knochen zu werden. Mit
zusammengebissenen Zähnen säbele ich weiter - noch muss ich mich
zu sehr eilen, um über all das Grauen nachdenken zu können, und außerdem
höllisch aufpassen, mir nicht in die Finger zu schneiden. Gleich am
nächsten Tag teile ich mir mit einer Kommilitonin, die das Ganze
schon hinter sich hat, einen Kettenhandschuh. Und höre auf, die
Schweine zu zahlen, die triefend an mir vorübergleiten. Auch
Gummihandschuhe verwende ich nicht länger. Zwar ist es grässlich,
mit bloßen Händen in den warmen Leichen herumzuwühlen, doch da
man sich zwangsläufig bis an die Schultern beschmiert, läuft das
klebrige Gemisch der Körperflüssigkeiten ohnehin in die Handschuhe
hinein, so dass man sie sich auch sparen kann. Wozu drehen sie noch
Horrorfilme, wenn es das hier gibt?
Bald ist das Messer stumpf. "Geben Sie her - ich schleife Ihnen
das mal!" Der nette Opa, in Wahrheit ein altgedienter
Fleischbeschauer, zwinkert mir zu. Nachdem er das geschärfte Messer
zurückgebracht hat, schwatzt er ein bisschen herum, erzählt mir
einen Witz und geht wieder an die Arbeit. Er nimmt mich auch künftig
ein bisschen unter seine Fittiche und zeigt mir manchen kleinen
Trick, der die Fließbandarbeit erleichtert. "Gell? Ihnen gefällt
das hier alles nicht. Sehe ich doch. Aber da muss man nun mal
durch." Ich kann ihn nicht unsympathisch finden, er bemüht zu
helfen; sicher machen sie sich lustig über die vielen Praktikanten,
die hier kommen und gehen, die erst schockiert, dann mit
zusammengebissenen Zähnen ihre Arbeit ableisten. Aber sie tun es
gutmütig, Schikanen gibt es nicht.
Es gibt mir zu denken, dass ich - von wenigen Ausnahmen abgesehen -
die hier arbeitenden Leute gar nicht als Unmenschen empfinden kann.
Sie sind nur abgestumpft, wie auch ich selbst mit der Zeit. Das ist
Selbstschutz, man kann es sonst nicht ertragen. Nein, die wahren
Unmenschen sind all jene, die diesen Massenmord tagtäglich in
Auftrag geben, die durch ihre Gier nach Fleisch Tiere zu einem erbärmlichen
Dasein und einem noch erbärmlicheren Ende - und andere Menschen zu
einer entwürdigenden und verrohenden Arbeit - zwingen. Langsam
werde ich zu einem kleinen Rädchen in dieser ungeheuren Automatie
des Todes. Irgendwann im Verlauf der nicht endenwollenden Stunden
werden die eintönigen Handgriffe mechanisch, und mühsam, fast
erstickt durch die ohrenbetäubende Kakophonie und Allgegenwärtigkeit
unbeschreiblichen Grauens, grabt sich der Verstand aus den Tiefen
betäubter Sinne empor und fängt wieder an zu funktionieren.
Differenziert, ordnet, versucht zu begreifen. Aber das ist unmöglich.
Als ich zum ersten Mal bewusst erfasse - am zweiten oder dritten Tag
-, dass ausgeblutete, abgeflämmte und zersägte Schweine noch
zucken und mit dem Schwänzchen wackeln, bin ich nicht in der Lage,
mich zu bewegen. "Sie - sie zucken noch...", sage ich,
obwohl ich ja weiß, dass es nur die Nerven sind, zu einem vorübergehenden
Veterinär. Der grinst: "Verflixt, da hat einer `nen Fehler
gemacht - das ist noch nicht richtig tot!" Gespenstischer Puls
durchzittert die Tierhälften. Ein Horrorkabinett. Mich friert bis
ins Mark.
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Wieder daheim lege ich mich
aufs Bett und starre an die Decke. Stunde für Stunde. Jeden Tag.
Meine nächste Umgebung reagiert gereizt. "Guck nicht so
unfreundlich. Lächle mal. Du wolltest doch unbedingt Tierarzt
werden". Tierarzt. Nicht Tierschlachter. Ich halte es nicht
aus. Diese Kommentare. Diese Gleichgültigkeit. Diese Selbstverständlichkeit
des Mordens. Ich möchte, ich muss sprechen, es mir von der Seele
reden. Ich ersticke daran.
Von dem Schwein möchte ich erzählen, das nicht mehr laufen konnte,
mit gegrätschten Hinterbeinen dasaß. Das sie solange traten und
schlugen, bis sie es in die Tötungsbox hineingeprügelt hatten. Das
ich mir hinterher ansah, als es zerteilt an mir vorüberpendelte:
beidseitiger Muskelabriss an den Innenschenkeln. Schlachtnummer 530
an jenem Tag, nie vergesse ich diese Zahl.
Ich möchte von den Rinderschlachttagen erzählen, von den sanften
braunen Augen, die so voller Panik sind. Von den Fluchtversuchen,
von all den Schlägen und Fluchen, bis das unselige Tier endlich im
eisernen Pferch zum Bolzenschuss bereit steht, mit Panoramablick auf
die Halle, wo die Artgenossen gehäutet und zerstückelt werden.
Dann der tödliche Schuss, im nächsten Moment schon die Kette am
Hinterfuß, die das ausschlagende, sich windende Tier in die Höhe
zieht, während unten bereits der Kopf abgesäbelt wird. Und immer
noch, kopflos, Ströme von Blut ausspeiend, bäumt der Leib sich
auf, treten die Beine um sich...
Erzählen von dem grässlich-schmatzenden Geräusch, wenn eine Winde
die Haut vom Körper reißt, von der automatisierten Rollbewegung
der Finger, mit der die Abdecker die Augäpfel - die verdrehten,
rotgeaderten, hervorquellenden - aus den Augenhöhlen klauben und in
ein Loch im Boden werfen, in dem der 'Abfall' verschwindet. Von der
verschmierten Aluminiumrutsche, auf der alle Innereien landen, die
aus dem riesigen geköpften Kadaver gerissen werden, und die dann,
bis auf Leber, Herz, Lungen und Zunge - zum Verzehr geeignet - in
einer Art Müllschlucker verschwinden.
Erzählen möchte ich, dass immer wieder inmitten dieses
schleimigen, blutigen Berges ein trächtiger Uterus zu finden ist,
dass ich kleine, schon ganz fertig aussehende Kälbchen in allen Größen
gesehen habe, zart und nackt und mit geschlossenen Augen in ihren
schützenden Fruchtblasen, die sie nicht zu schützen vermochten.
Das kleinste so winzig wie ein neugeborenes Kätzchen und doch eine
richtige Miniatur-Kuh, das größte weich behaart, braunweiß und
mit langen, seidigen Wimpern, nur wenige Wochen vor der Geburt.
"Ist es nicht ein Wunder, was die Natur so erschafft?",
meint der Veterinär, der an diesem Tag Dienst hat und schiebt
Uterus samt Fetus in den gurgelnden Müllschlucker.
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Und
ich weiß nun ganz sicher, dass es keinen Gott geben kann, denn kein
Blitz fährt vom Himmel hernieder, diesen Frevel zu rächen, der
seinen Fortgang nimmt, wieder und wieder. Auch für die erbärmlich
magere Kuh, die, als ich morgens um sieben komme, krampfhaft zuckend
im eisigen, zugigen Gang liegt, kurz vor der Tötungsbox, gibt es
keinen Gott und niemanden, der sich ihrer erbarmt in Form eines
schnellen Schusses. Erst müssen die übrigen Schlachttiere
abgefertigt werden. Als ich mittags gehe, liegt sie immer noch und
zuckt. Niemand, trotz mehrfacher Aufforderung, hat sie erlöst. Ich
habe das Halfter, das unbarmherzig scharf in ihr Fleisch schnitt,
gelockert und ihre Stirn gestreichelt. Sie blickt mich an mit ihren
riesig-großen Augen, und ich erlebe nun selbst, dass Kühe weinen können.
Die Schuld, ein Verbrechen tatenlos mitanzusehen, wiegt so schwer
wie die, es zu begehen. Ich fühle mich so unendlich schuldig. Meine
Hände, Kittel, Schürze und Stiefel sind besudelt vom Blute ihrer
Artgenossen. Stundenlang habe ich unter dem Band gestanden, Herzen
und Lungen und Lebern aufgeschnitten. "Bei den Rindern saut man
sich immer total ein", bin ich bereits gewarnt worden.
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Das
ist es, wovon ich berichten möchte, um es nicht allein tragen zu müssen.
Aber im Grunde will es keiner hören. Nicht, dass ich während
dieser Zeit nicht oft genug befragt werde. "Wie ist es denn so
im Schlachthof? Also, ich könnte das ja nicht!" Ich grabe mir
mit den Fingernägeln scharfe Halbmonde in die Handflächen, um
nicht in diese mitleidigen Gesichter zu schlagen, oder um nicht den
Telefonhörer aus dem Fenster zu werfen - schreien möchte
ich. Aber längst hat all das, was ich tagtäglich mit ansehe,
jeden Schrei in der Kehle erstickt. Keiner hat gefragt, ob ich es
kann. Reaktionen auf noch so karge Antworten verraten Unbehagen ob
des Themas. "Ja, das ist ganz schrecklich, und wir essen auch
nur noch selten Fleisch." Oft werde ich angespornt:
"Beiss die Zähne zusammen, du musst da durch, und bald hast du
es ja hinter dir!" Für mich eine der schlimmsten, herzlosesten
und ignorantesten Äußerungen, denn das Massaker geht weiter, Tag für
Tag.
Ich glaube, niemand hat begriffen, dass mein Problem weniger darin
bestand, diese sechs Wochen zu überleben, sondern dass dieser
ungeheure Massenmord geschieht: Millionenfach - für jeden
geschieht, der Fleisch isst. Besonders jene Fleischesser, die von
sich behaupten, Tierfreunde zu sein, werden für mich nun vollends
unglaubwürdig. "Hör auf - verdirb mir nicht den
Appetit!" Auch damit bin ich mehr als einmal rigoros abgewürgt
worden, gefolgt von der Steigerung: "Du bist ein Terrorist!
Jeder normale Mensch lacht dich doch aus!" Wie allein man sich
in solchen Augenblicken vorkommt. Ab und zu sehe ich mir den kleinen
Rinderfetus an, den ich mitgenommen und in Formalin eingelegt habe.
Memento mori. Lass sie lachen, die 'normalen Menschen'.
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Die
Dinge abstrahieren sich, wenn man von soviel gewaltsamem Tod umgeben
ist; das eigene Leben erscheint unendlich bedeutungslos. Man blickt
auf die anonymen Reihen zerstückelter Schweine, die meanderförmig
durch die Halle ziehen, und fragt sich: Wäre es anders, wenn hier
Menschen hingen? Insbesondere die rückwärtige Anatomie der
Schlachttiere, dick und pickelig und rotgefleckt, erinnert verblüffend
an das, was an sonnigen Urlaubsstränden fettig unter engen
Badehosen hervorquillt. Auch die nicht endenwollenden Schreie, die
aus der Tötungshalle herübergellen, wenn die Schweine den Tod spüren,
könnten von Frauen oder Kindern stammen. Abstumpfung bleibt nicht
aus. Irgendwann denke ich nur noch, aufhören, es soll aufhören,
hoffentlich macht er schnell mit den Elektrozangen, damit es endlich
aufhört. "Viele geben keinen Ton von sich", hat einer der
Veterinäre einmal gesagt, "andere stehen eben da und schreien
völlig grundlos."
Ich sehe mir auch das an - wie sie dastehen und 'völlig grundlos'
schreien. Mehr als die Hälfte des Praktikums ist vorüber, als ich
endlich in die Tötungshalle gehe - um sagen zu können: "Ich
habe gesehen." Hier schließt sich der Weg, der vorn an der
Laderampe beginnt. Der kahle Gang, in den alle Pferche münden, verjüngt
sich und führt durch eine Tür in einen kleinen Wartepferch für
jeweils vier oder fünf Schweine. Sollte ich je den Begriff
'Angst' bildlich darstellen, ich würde die Schweine zeichnen, die
sich hier gegen die hinter ihnen geschlossene Tür zusammendrängen,
ich würde ihre Augen zeichnen. Augen, die ich niemals mehr
vergessen kann. Augen, in die jeder sehen sollte, den es nach
Fleisch verlangt.
Mit Hilfe eines Gummischlauches werden die Schweine separiert, eines
wird nach vorn in einen Stand getrieben, der es von allen Seiten
umschließt. Es schreit, versucht nach hinten auszubrechen, und häufig
hat der Treiber alle Hände voll zu tun, ehe er endlich mit einem
elektrischen Schieber den Stand schließen kann. Ein Knopfdruck, der
Boden des Standes wird durch eine Art fahrbaren Schlitten ersetzt,
auf dem sich das Schwein rittlings wiederfindet, ein zweiter
Schieber vor ihm öffnet sich, und der Schlitten mit dem Tier
gleitet hinüber in eine weitere Box. Der danebenstehende Grobschlächter
- ich habe ihn insgeheim immer 'Frankenstein' genannt - setzt die
Elektroden an; eine Dreipunktbetäubung, wie der Direktor mir einst
erklärt hat. Man sieht das Schwein sich in der Box aufbäumen, dann
klappt der Schlitten weg, und das zuckende Tier schlägt auf einer
blutüberströmten Rutsche auf und zappelt mit den Beinen. Auch hier
wartet ein Grobschlächter, zielsicher trifft das Messer unter dem
rechten Vorderbein, ein Schwall dunklen Blutes schießt hervor, und
der Körper rutscht weiter. Sekunden später hat sich bereits eine
Eisenkette um ein Hinterbein geschlossen und das Tier emporgezogen,
und der Grobschlächter legt das Messer ab, greift nach einer
verschmierten Cola-Flasche, die auf dem zentimeterdick mit
geronnenem Blut bedeckten Boden steht, und genehmigt sich einen
Schluck. |
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Ich
folge den am Haken baumelnden, ausblutenden Kadavern in die "Hölle".
So habe ich den nächsten Raum genannt. Er ist hoch und schwarz,
voll von Ruß, Gestank und Feuer. Nach einigen bluttriefenden Kurven
erreicht die Schweinereihe eine Art riesigen Ofen. Hier wird
entborstet. Von oben fallen die Tiere in einen Auffangtrichter und
gleiten in das Innere der Maschine. Man kann hineinsehen. Feuer
flammt auf, und mehrere Sekunden lang werden die Körper herumgeschüttelt
und scheinen einen grotesken Springtanz aufzuführen. Dann klatschen
sie auf der anderen Seite auf einen großen Tisch, werden sofort von
zwei Grobschlächtern ergriffen, die noch verbliebene Borsten
herunterkratzen, die Augäpfel herausreißen und die Hornschuhe von
den Klauen trennen. Einen Moment nur dauert dies alles, hier wird im
Akkord gearbeitet. Haken durch die Sehnen der Hinterläufe, schon hängen
die toten Tiere wieder und gleiten nun zu einem stählernen Rahmen,
der wie ein Flammenwerfer konzipiert ist: Ein bellendes Geräusch,
und der Tierkörper wird von einem Dutzend Stichflammen eingehüllt
und einige Sekunden lang abgeflammt.
Das Fließband setzt sich wieder in Bewegung, führt in die nächste
Halle - jene, wo ich schon drei Wochen lang gestanden habe. Die
Organe werden entnommen und auf dem oberen Fließband bearbeitet:
Zunge durchtasten, Mandeln und Speiseröhre abtrennen und
fortwerfen, Lymphknoten anschneiden, Lunge zum Abfall, Luftröhre
und Herz eröffnen, Trichinenprobe entnehmen, Gallenblase entfernen
und Leber auf Wurmknoten untersuchen. Viele Schweine sind verwurmt,
ihre Lebern sind von Wurmknoten durchsetzt und müssen verworfen
werden. Alle übrigen Organe wie Magen, Darm und Geschlechtsapparat
landen im Abfall. Am unteren Fließband wird der Restkörper
gebrauchsfertig gemacht, zerteilt, Gelenke angeschnitten, After,
Nieren und Flomen entfernt, Gehirn und Rückenmark abgesaugt et
cetera, dann Stempel auf Schulter, Nacken, Lende, Bauch und Keule
aufgebracht, gewogen und in die Kühlhalle befördert. Nicht zum
Verzehr geeignete Tiere werden 'vorläufig beschlagnahmt'. Das
Stempeln ist für den Ungeübten Schweißarbeit. Die lauwarmen,
glitschigen Kadaver hängen zum Schluss des Bandes hin sehr hoch,
und will man nicht von ihnen erschlagen werden, muss man sich
beeilen, denn vor der Waage klatschen die Hälften mit viel Wucht
aufeinander. |
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Wie
oft mein Blick in all diesen Tagen zur Uhr schweift, die im
Pausenraum hängt, vermag ich nicht zu sagen. Ganz gewiss geht keine
Uhr auf der ganzen Welt langsamer als diese. Jeden Vormittag ist zur
Halbzeit eine Pause erlaubt, aufatmend eile ich in den Waschraum,
reinige mich notdürftig von Blut und Fleischfetzen; mir ist, als ob
diese Besudelung und der Geruch für immer an mir haften. Hinaus,
nur hinaus. Ich habe in diesem Haus nie auch nur einen Bissen essen
können. Entweder verbringe ich die Pause, so kalt es auch sein mag,
draußen, laufe bis an den Stacheldrahtzaun vor und starre hinüber
auf die Felder und den Waldrand, beobachte die Krähen. Oder ich
gehe zum jenseits der Straße gelegenen Einkaufszentrum, dort ist
eine kleine Bäckerei, wo man sich bei einer Tasse Kaffee aufwärmen
kann. Zwanzig Minuten später zurück ans Band. Fleisch essen ist
ein Verbrechen. Kein Fleischesser kann je wieder mein Freund sein.
Niemals. Niemals wieder. Jeden, denke ich, jeden, der Fleisch isst,
sollte man hier durchschicken, jeder müsste es sehen, von Anfang
bis Ende. Ich stehe hier nicht, weil ich Tierarzt werden will,
sondern weil Menschen meinen, Fleisch essen zu müssen. Und nicht
nur das: auch, weil sie feig sind, unsagbar feig. Das steril
verschweißte Schnitzel im Supermarkt hat keine Augen mehr, die überquellen
vor nackter Todesangst, es schreit nicht mehr. Das alles ersparen
sie sich, all jene, die sich von geschundenen Leichen nähren:
"Also, ich könnte das nicht!" |
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Dann,
eines Tages, kommt ein Bauer und bringt Fleischproben zur
Trichinenuntersuchung. Sein kleiner Bub begleitet ihn, zehn oder elf
Jahre vielleicht. Ich sehe, wie das Kind seine Nase an der Scheibe
plattdrückt, und denke: Wenn die Kinder es sähen, all dieses
Grauen, all die ermordeten Tiere - gäbe es da nicht noch Hoffnung?
Ich kann genau hören, wie der Bub nach seinem Vater ruft.
"Papi, schau mal! Geil!! Diese große Säge da!"
Am Abend, im Fernsehen, berichtet "XY ungelöst" von dem
Verbrechen an einem jungen Mädchen, das ermordet und zerstückelt
wurde, und vom namenlosen Entsetzen und Abscheu der Bevölkerung auf
diese Greueltat. "So etwas ähnliches habe ich diese Woche
3.700mal mitangesehen", werfe ich ein. Nun bin ich nicht mehr
nur ein Terrorist, sondern obendrein krank im Kopf. Weil ich
Entsetzen und Abscheu nicht nur wegen eines Menschenmordes empfinde,
sondern auch wegen des tausendfach mit Füßen getretenen Mordes an
Tieren: 3.700 nur in dieser einen Woche, nur in diesem einen
Schlachthof. Mensch sein: Heißt das nicht, nein zu sagen und sich
zu weigern, Auftraggeber eines Massenmordes zu sein - für ein Stück
Fleisch? Sonderbare neue Welt. Vielleicht hatten die winzigen, dem
Mutterleib entrissenen Kälbchen, die starben, bevor sie geboren
wurden, das beste Los von uns allen. Irgendwann ist der letzte all
dieser nicht endenwollenden Tage gekommen. |
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Irgendwann
halte ich die Praktikumsbestätigung in Händen, einen Papierwisch,
teurer bezahlt, als ich je für irgendetwas bezahlt habe. Die Tür
schließt sich, eine zaghafte Novembersonne geleitet mich über den
kahlen Hof zum Bus. Schreie und Maschinenlärm werden leiser. Als
ich die Straße überquere, biegt ein großer Viehtransporter mit
Anhänger in die Zufahrt zum Schlachthof ein. Schweine auf zwei
Etagen, dichtgedrängt.
Ich gehe ohne einen Blick zurück, denn ich habe Zeugnis abgelegt,
und jetzt will ich versuchen zu vergessen, um weiterleben zu können.
Kämpfen mögen nun andere; mir haben sie in jenem Haus die Kraft
dazu genommen, den Willen, die Lebensfreude, und sie gegen Schuld
und lähmende Traurigkeit getauscht.
Die
Hölle ist unter uns, vieltausendfach, Tag für Tag. Eines aber
bleibt immer, jedem von uns: Nein zu sagen.
Nein, nein und abermals nein! |
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© SATIS
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