Projekt
Uni Belgrad
Spende
für ein tierverbrauchsfreies Biologiestudium
Biologe wollte er werden, weil ihn die Natur mit all ihren
Lebensformen interessiert. Doch schon im ersten Semester wird er mit
dem Gegenteil der "Lehre des Lebens" konfrontiert, muss er
Tintenfische, Regenwürmer, Ratten und Frösche sezieren, teilt er
das Schicksal fast aller Biologiestudenten in aller Welt. Er heißt
Drazen Vicic, genannt Viki, und studiert in Belgrad.
Rund 300 Ratten, 600 Frösche und zahllose wirbellose Tiere
wie Schnecken, Tintenfische, Regenwürmer und Seesterne lassen hier
jährlich ihr Leben für die Lehre. Viki kann es nicht akzeptieren,
dass Tiere für sein Studium sterben sollen. Er findet
Gleichgesinnte in seinem Semester. Sie schließen sich zu einer
Tierschutzgruppe zusammen. Dank Internet kommt Viki schnell in
Kontakt mit InterNICHE (International Network of Individuals and
Campaigns for Humane Education), einem weltweiten Zusammenschluss
von Studierenden und Lehrenden, die für ein Studium ohne
"Tierverbrauch" kämpfen. Dort erfährt der 20-jährige
von der Vielzahl der Möglichkeiten eines
"tierverbrauchsfreien" Studiums. Mit diesen Informationen
gewappnet treten die Belgrader Studierenden an ihre Hochschullehrer
heran. Erstaunlicherweise zeigen sich einige von ihnen kooperativ,
sind bereit zumindest Verweigern Alternativen zu bieten – doch wer
soll diese bezahlen?
Nach einem Jahrzehnt Bürgerkrieg und Wirtschaftssanktionen
liegt die Wirtschaft in Jugoslawien am Boden. Die Menschen haben
wirklich andere Sorgen. Kein Mensch interessiert sich für ein paar
Regenwürmer und Frösche. Keiner? Viki und seine Kommilitonen
beschließen das Geld für die Anschaffung von Modellen, Videos und
Computerprogrammen aufzutreiben. Im eigenen Land gestaltet sich die
Suche schwierig. So geraten sie per Internet an SATIS (Studentische
Arbeitsgruppe gegen Tiermissbrauch im Studium).
Wenn schon Hochschullehrer bereit sind Studierenden ein
Studium ohne das Sezieren von extra getöteten Tieren zu ermöglichen,
was ja leider gerade im Fachbereich Biologie nicht gerade häufig
vorkommt, sollte Geld wirklich das Letzte sein, woran die Sache
scheitert. 6000,- DM müssen her, um das Morphologie- und das
Physiologiepraktikum mit den modernen Lehrmethoden auszustatten. Die
Menschen für Tierrechte – Tierversuchsgegner Baden-Württemberg
e.V. spenden 3000,- DM, der Bundesverband
der Tierversuchsgegner – Menschen für Tierrechte e.V. 2000,-
DM und SATIS 1000,- DM. Es werden 4 Kunststoffmodelle (Ratte,
Heuschrecke, Schnecke, Flusskrebs), 3 CDs (Präparation von Ratte,
Frosch und Regenwurm) und 4 Videos (Präparation von Hai, Frosch,
Taube, Ratte) in den USA bestellt. Für den Physiologiekurs werden
die Computerprogramme SimNerv und SimMuscle vom Thieme-Verlag
besorgt.
Um den unsicheren Postweg nach Jugoslawien zu umgehen, wird
alles zunächst in der Geschäftsstelle des Bundesverbandes
gesammelt. Auf dem InterNICHE-Kongress am 21./22. Februar 2001 in Brüssel
soll dann die Übergabe erfolgen. Ich fahre also mit ganzen
Alternativen im Gepäck nach Brüssel, wo ich den überglücklichen
und unendlich dankbaren Viki treffe. Wir legen die Sachen zunächst
aus, um sie den anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmern zu zeigen.
Am Ende der Veranstaltung macht sich der Biologiestudent mit dem
riesigen Paket auf die 24-stündige Reise mit dem Bus nach Belgrad.
Im Wintersemester sollen die neuen Lehrmittel erstmals zum Einsatz
kommen. Viki ist sicher, dass die Aktion Signalwirkung auch auf
andere Fachbereiche (z.B. Medizin und Tiermedizin) der Uni Belgrad
sowie auf andere Hochschulen haben wird. Viele Hochschullehrer haben
von diesem Möglichkeiten noch nie gehört und werden erstaunt sein
über die neuen Lehrmittel und der damit verbundenen Verbesserung
der Qualität der Lehre.
Quelle: tierrechte 2/01
Nachtrag:
Leider wurden die angeschafften Lehrmodelle, bedingt durch einen
personeller Wechsel in der Fakultät, nicht wie geplant eingesetzt. |